Ungeplante  Katzen-Eltern

„36 Grad und es wird noch heißer mach den Beat nie wieder leiser, 36 Grad kein Ventilator das Leben kommt mir gar nicht hart vor, 36 Grad Aaaaaaah …“. Mir werden die Stöpsel vom MP3-Player aus den Ohren gezogen und das Lied von  2Raumwohnung verstummt. „Ehe was soll das?“ Ich dreh mich mit der Hacke in der Hand, mit der ich grad mit wachsendem Erfolg dem Unkraut zu Leibe rücke, zu René um. „Schau mal, dort…“ mit ausgestrecktem Arm zeigt er zum Gartenzaun.

Katze-spielt-mit-Maus

Dort spielt auf dem frischgemähten Rasen eine komplett schwarze Katze mit einer Maus. Sie wirft sie in die Luft, lässt sie dann laufen, um sie mit einem gezielten Sprung und Tatzenhieb wieder einzufangen. Das geht so eine ganze Weile bis die Maus es schafft in der Hecke zu verschwinden. Die Katze hinterher. Sie stürzt sich in das dichte Gewirr von Zweigen, bis nur noch das Hinterteil mit einem emsig zuckenden Schwanz hervorschaut. Zwei Koniferen wackeln als würde ein Tornado durch sie hindurch fegen. Mit einem Schlag ist es still und die Katze schiebt sich langsam rückwärts aus der Hecke. Stolz hält sie die zappelnde Maus wieder im Schnäuzchen und verschwindet durch ein Loch im Zaun zum Nachbargrundstück. Ich hatte vorher noch nie in Natura gesehen wie eine Katze mit einer Maus spielt.

Mit Katzen konnte ich so gar nichts anfangen. Ich bin ein Hundemensch und Renè ein kein-Tier-Mensch. Diese Begegnung aber sollte unser Leben verändern. Ahnungslos waren wir weiter bemüht aus unserer Wildnis einen Garten zu machen. Ahnungslos deshalb, weil wir soeben Gatis Mama kennengelernt hatten und nicht ahnten bald ungeplante Katzen-Eltern zu werden. In diesen beiden heißen Monaten Juni und Juli des Jahres 2008 sahen wir die Katze noch häufig mit einer Maus im Fang. Mal spielte sie damit, aber oft lief sie zielstrebig zum Loch im Zaun und verschwand mit ihrer Beute in der dort angrenzenden, baufälligen Scheune.

Ein neuer Freund

Der Sommer ging heiß und trocken zu Ende und ein bunter Herbst kam. Wieder einmal waren wir im Garten beschäftigt und harkten das Laub zusammen. Mit einem kühlen Bier in der Hand gönnten wir uns eine Pause, und betrachteten voller Stolz das Stück Land was einem Garten immer ähnlicher wurde. Fast alles war jetzt mit einer durchgängigen Rasenfläche bedeckt. Zwei alte Apfelbäume mit leuchtenden Blättern und vielen roten Früchten waren der Mittelpunkt. Etwas abseits hatten wir uns einige schöne Stauden gepflanzt, und zum Feldweg nach hinten, zeichnete sich der künftige Gemüsegarten ab. Wir lehnten an unserem frisch gezimmerten Schuppen und genossen die warme Nachmittagssonne.

„Schau Renè, dort drüben hinter dem Zaun, die schwarze Katze ist wieder da!“ Ich zeigte mit dem Bier in der Hand zum Feldrain. Er schaute in die Richtung und über sein noch soeben lächelndes Gesicht zog sich ein Schatten. „Bist du dir sicher? Sie sieht anders aus.“ Da hatte er recht. Die Katze sah nicht mehr so gepflegt aus wie im Sommer. Sie war dünn und struppig, und sie war scheu geworden. Gut, wir hatten sie ein paar Wochen nicht gesehen, so seit September und heute hatten wir bereits den 10. Oktober. Eine gut genährte Katze sah aber wirklich anders aus. Wir setzen uns vorsichtig auf ein paar Steine und beobachteten das Tier. Still saßen wir da. Dann, nach ewig langer Zeit fasste die Katze Mut und kroch unter dem Tor durch. In einem leichten Trapp lief sie zum Loch im Zaun.

Ich konnte nicht an mich halten und schnalzte einige male mit der Zunge. Die Katze blieb stehen und sah zu uns herüber. Entgegen aller Erwartung kam sie schnell und direkt auf uns zu gelaufen. Ein paar Zentimeter vor meinen Füßen hielt sie an, setzte sich hin und sah mich mit großen grünen Augen an. Vorsichtig streckte ich ihr meine Hand entgegen. Sie beroch meine Finger ausgiebig und ließ sich sachte über das Köpfchen streicheln. Mit einem Mal fiel sie um und hielt mir ihren Bauch entgegen. Los, streichele mich! Ich kraulte ihr den Bauch, ohne das sie die Krallen nach mir schlug. Damals wusste ich noch nicht, dass das keine Selbstverständlichkeit bei Katzen ist. Aber konnte das die Katze vom Sommer sein? Klein war sie, nur ein Haufen Knochen mit einem bisschen schwarzem, struppigem Fell drum herum. So plötzlich wie sie sich hatte fallen lassen, rollte sie sich zur Seite und stand wieder auf. Genug gestreichelt! Die Katze schnüffelte auf dem Boden herum, an unseren Füßen und Schuhen und zu guter Letzt an der Bierflasche. Vielleicht hatte sie Hunger? überlegte ich laut.

René nickte zustimmend. „Kann schon sein. Man sieht ja fast jede einzelne Rippe. Weist du was, ich habe ja nur zwei Schluck Bier getrunken, ich fahr mal schnell zum Supermarkt und hole ihr was. Was frisst eine Katze denn so?“ „Kauf doch Katzenfutter in Dosen, ist am einfachsten“, antwortete ich ihm und kraulte dem schwarzen Fellknäul erneut den Kopf. Gesagt – Getan! Nach einer halben Stunde war er zurück, und hatte zehn verschiedene Packungen Katzenfutter dabei. Die Mieze hatte es sich inzwischen auf meinem Schoß gemütlich gemacht und ich musste sie die ganze Zeit hinter den Ohren kraulen. Ich war wie gebannt. Verhielten sich Katzen so? Vorsichtig hob ich das dürre Bündel von meinen Knien und öffnete eine der Aluschalen. Als sie das sah fing sie jämmerlich an zu miauen und lief aufgeregt um unsere Beine. Knapp hatte ich die Schale auf den Boden gestellt fiel das kleine Kätzchen wie ein Raubtier darüber her. Hastig, und ohne zu kauen, schlang es alles in sich hinein. Zittern und angespannt hockte es da und schaute ängstlich zwischen zwei Bissen umher. Es dauerte keine zwei Minuten und das Schälchen war leer. Emsig ausleckend schob die Katze das goldene Ding über den Rasen, in der Hoffnung das noch ein Krümel drin sei. Wir schauten uns beide an, und jeder wusste vom anderen es war um unsere Herzen geschehen.

René gab dem ausgehungerten Tier noch eine weitere Schale, deren Inhalt im selben Tempo im Bäuchlein verschwand. Dann, ohne uns auch nur eines Blickes zu würdigen, steuerte das Kätzchen auf den Zaun zu, schob sich durch das Loch und verschwand in Richtung Scheune. Schnalzen, rufen, pfeifen alles ohne Erfolg. Das Tierchen drehte sich nicht einmal mehr um. Was war das denn jetzt? Wir schauten uns an und verstanden nicht was da grad abgelaufen war. In den nächsten Tagen war von unserem neuen Freund (oder Freundin?) nichts zu sehen. Was sollten wir jetzt mit dem ganzen Katzenfutter anstellen?

Am Montag, dem 13.Oktober, hatte Renés Mama Geburtstag. Wie auch schon im alten Garten, schnitt ich auch hier die letzten Rosen für einen Geburtstagsstrauß ab. In den Strauß band ich noch ein paar Zweige vom Kirschlorbeer und einige Astern und Dahlien und wäre bei meinem Streifzug mit der Gartenschere fast auf einen schwarzen Schwanz getreten. Da hockte unser kleiner Nimmersatt in der Hecke und schaute mich aus kugelrunden Augen an. „Haste Futter?“, war in seinem Blick zu lesen. Ich konnte es nicht glauben. Das kleine Kerlchen war zurück gekommen. Ich drehte mich zum Haus um und rief ganz laut: „René komm mal bitte, und bring gleich eine Dose Katzenfutter mit, wir haben Besuch!“ Es dauerte auch gar nicht lange und Renè kam mit zwei Schalen Katzenfutter in der Hand aus dem Haus. Das Kätzchen lief in Windeseile zum Schuppen, als es sah wie Renè darauf zusteuert. Wir hatten eine alte Schüssel als Napf aussortiert und taten dort das „Lachs mit Forelle in Gelee“ hinein. Unser kleiner Freund ließ sich nicht lange bitten, und in null Komma nix war der Napf leer. Als Nachschlag gab es „Ente mit Leber in delikater Soße“. Egal, nur rein damit. Da standen wir und sahen zu wie es schmeckte. So fertig! Aber das kleine Kerlchen lief dieses Mal nicht davon, sondern blieb sitzen und schaute uns erwartungsvoll an. Was wollte es?

Barfen Katzen klein GatiIch hockte mich zu ihm hin und streichelte es. Mit einem kleinen Plumps ließ es sich wieder fallen und rollte sich unter meinen Händen hin und her. Das kleine Wesen wollte überall gestreichelt werden. „Sag mal René, ist es ein Junge oder ein Mädchen?“ „Woran sieht man das?“ „Na woran wohl?“ Während ich den kleinen Pfoten auswich wo jetzt doch die Krallen mit zum Einsatz kamen, versuchte ich zu erkennen, ob es vielleicht irgendeinen Hinweis am Hinterteil des kleinen Wesens gab, woraus man schließen konnte ob es ein Kater war oder nicht. Die Suche war nicht grad erfolgreich. Also ließen wir es sein. Auch wurde mir das Streichelspiel langsam zu riskant. Ich wollte keinen Kratze abbekommen. Da noch ein bisschen Zeit war, bis wir zur Geburtstagsfeier los mussten spielten wir ein neues Spiel „Verstecken im Hinterhalt und dann angreifen“. In Ermangelung eines Spielzeugs,  brach ich vom Haselnussbusch einen Langen Zweig ab und die kleine Katze stürzte sich mit Feuereifer auf die neue Beute. Sie pirschte sich langsam an, nutze René seine Beine als Deckung um dann blitzschnell ihr Opfer (der Zweig mit ein paar Blättern daran) zu erlegen. In dem Augenblick, wo sie ihre Krallen durch die Blätter zog, machte sie auch schon einen Sprung zur Seite um flugs, mit einem kurzen Sprint und einem gewaltigen Satz in den Ästen des einen Apfelbaums zu verschwinden. Ziemlich hoch turnte das kleine Kätzchen. Das Katzen auf Bäume klettern war mir bekannt. Aber so schnell? Und wie kam sie jetzt wieder runter? Ich wollte schon los laufen und die Leiter aus der Garage holen. Aber zu unserem großen erstaunen kam die Katze genauso elegant vom Baum wieder runter. Das letzte Stück sprang sie einfach, es waren gut 2m hoch. Dann  mussten wir auch schon los. Die kleine schwarze Katze aber blieb mitten auf dem Rasen sitzen und starrte uns vorwurfsvoll hinter her. Diesen Blick sollte ich im laufe der Jahre immer wieder bekommen.

Wie soll sie heißen?

Am nächsten Morgen, es war unser zweiter Urlaubstag, saß die kleine Katze vor der Terrassentür und schaute der Jalousie zu, wie diese im Dach verschwand. Wir waren erstaunt, dass die Katze auf uns wartete. Wir zogen uns schnell etwas über, um unserem neuen Freund sein Frühstück zu bringen. Im Internet hatten wir gelesen, dass hinten unter dem Schwanz zwei Bommeln mit Fell verkleidet hängen müssen, dann ist es ein Kater. Wir spielten mit der Katze, knuddelten sie und guckten von allen Seiten, aber da waren keine Bommeln. Auch war das Tierchen recht zart und hatte verglichen mit dem Kater Willi von meiner Schwiegermama, und dem Kater von nebenan Namens Garfield, einen sehr kleinen Kopf. Also war unser neuer Freund eine Freundin. Nachdem wir das geklärt hatten, brauchte die Dame auch einen Namen.

Und schon ging die Diskussion los. Ich plädierte für Putzi. Es ist ein toller Name, schon allein deshalb, weil ich das Buch „Das Haus der sprechenden Tiere“ so toll fand. Helge Timmerberg der Autor dieses Buches ist sowieso einer meiner Lieblingsschriftsteller. „Nee, Putzi mag ich nicht, hört sich so nach Putzfrau an“ widersprach René. „ Wie wäre es mit Lotte?“ Jetzt streikte ich, „hast du vergessen das Lotte weggelaufen ist, und bis heute nicht wieder nach Hause gekommen ist? Kein schönes Omen!“ Lotte war die Katze von René seinem Bruder, die seit fast einem Jahr abgängig war. „Ok, dann heißt die Katze eben Katze“, schmollte Renè. Genau das war es! Katze, toller Name nur eben nicht auf Deutsch. Wir beide lieben Menorca. Menorca ist eine der spanischen Inseln der Balearen, und wir beide sprechen auch ein bisschen Spanisch. Also was lag näher, her mit dem Wörterbuch und nachgeschlagen: Katze – Gato, das Kätzchen – Gatita, das Katerchen – Gatito, daraus kreierten wir einen neuen Namen: GATI!

Lass mich rein!

Seit Oktober kam Gati morgens und Abends um sich ihr Futter zu holen. Mal wollte sie mit uns spielen, mal wollte sie nur nach dem Essen auf dem Rasen sitzen und sich putzen. Ab und an lief sie zum Schuppen und schnupperte dort an einer toten Maus oder Ratte. Damals konnte ich mir nicht erklären wo diese toten Tiere herkamen. Ich entsorgte sie angeekelt in die Mülltonne. Gati saß da und beobachtete mich dabei und verhielt sich als wäre sie beleidigt. Ich verstand es nicht.

Ende November gingen sintflutartige Regenfälle nieder. Eines Morgens saß Gati mit hängenden Ohren vor der Terrassentür und schaute wie ein begossener Pudel rein. Mir blutete das Herz. Was sollte ich tun? Die Katze ins Haus lassen? Nein, das ging nicht. Eigentlich wollten wir keine Tiere. Wir hatten beide sehr zeitintensive Jobs, die einem Tier nicht gerecht wurden. Das Arrangement mit Gati als Gartenkatze ohne Verpflichtungen war gut so wie es war. Also warum entgegen jeder Vernunft jetzt damit anfangen? Da kam mir die Idee sie in den Schuppen zu lassen. Also Gummistiefel an, Schirm auf und zur Haustür raus, damit Gati mir an der Terrassentür nicht durch die Beine wischte. Wie freute sie sich, als sie mich sah. Laut maunzend strich sie mir um die Beine. Knapp hatte ich die Schuppentür auf war Gati auch schon unter den aufgetürmten Gartenstühlen verschwunden. Also ließ ich für sie die Schuppentür offen und konnte ohne verfolgt zu werden wieder ins Haus gehen. Am Abend schaute René noch mal in den Schuppen um nach Gati zu sehen. Aber es war keine Gati mehr da. Also machte er den Schuppen wieder zu, denn der war auch schon innen recht nass geregnet.

So hielten wir es dann die nächsten Tage. Wenn es regnete ließen wir die Katze in den Schuppen und lehnten die Tür nur an. Da wir versetzte Schichten hatten, war es auch kein Problem. Gati gewöhnte sich sosehr an den Schuppen, dass sie auch um Einlass bat wenn es nicht regnete. Wir blieben hart. Der Schuppen wurde nur bei Regen geöffnet. Eines Morgens, es regnete wieder einmal wie aus Eimern fütterte Renè Gati im Schuppen. Um die Mittagszeit kontrollierte er den Schuppen, aber Gati schien unterwegs zu sein. Also schloß er den Schuppen ab und fuhr zur Arbeit. Der Tag und der Nachmittag verging. Am Abend warteten wir vergeblich auf unseren kleinen Kostgänger. Als um 21:00 Uhr noch immer keine Schwanzspitze zu sehen war, fingen wir an uns Sorgen zu machen. René ging, einer inneren Ahnung folgend, mit einer Taschenlampe nochmals zum Schuppen. Der Napf im Schuppen war leer. Wie geht das denn? Da kam ein verschlafenes ‚mau’ vom Kissenstapel in der Ecke.

Wir hatten die Aufleger unserer Gartenstühle fein säuberlich auf ein Regal Richtung Decke gestapelt und obendrauf hockte die kleine Prinzessin. Da hatte das Katzentier den ganzen Tag im Schuppen verbringen müssen, weil René sie unwissentlich eingeschlossen hatte. Ihr schien das aber nichts auszumachen. Sich wohlig rekelnd kletterte sie langsam den Stapel runter und schritt mit hoch erhobenem Schwanz aus der Schuppentür. So ging das nicht. Am nächsten Tag, es war ein Samstag und wir hatten beide frei, fuhren wir zum Baumarkt. Wir kauften eine Hundehütte, Styropor und ein outdoor Hundebettchen. Die Hundehütte stellten wir neben den Schuppen, isolierten sie mit dem Styropor und stellten das Hundebettchen rein. Gati kam näher und inspiziert neugierig was wir ihr dort hingestellt hatten. Super Ding fand sie, legte sich rein und schaute zur Tür raus. Es dauerte nicht lange und sie war eingeschlafen. Am nächsten Morgen wollte sie aber wieder unbedingt in den Schuppen. Wir ließen sie jedoch nicht hinein und wollten sie draußen füttern. Das wollte sie aber nicht. Wir bekamen gar nicht mit, wie sie anfing uns zu erziehen. Da sie nicht ihren Willen bekam, ließ sie uns mit dem Futternapf in der Hand einfach stehen und lief aufs Feld. Es war das einzigste Mal, dass Gati in der Hundehütte geschlafen hat. Sie hat die Hundehütte nie wieder betreten.