Skip to main content

Helmut

Helmut

Es ging auf Weihnachten zu. Die Hundehütte blieb verweist. Aber dafür hatte der Schuppen ein neues Accessoires bekommen. Eine Katzenklappe!

Gati beachtetet die Hundehütte überhaupt nicht. Nur wenn wir sie mit Leckerli dort reinlockten, fraß sie diese schnell auf und wollte wieder in den Schuppen. Wir ließen sie aber nicht mehr in den Schuppen. Sie sollte sich an die Hundehütte gewöhnen.

Leider hatten wir die Planung ohne die Katzendame gemacht. Sie buddelte sich unter dem Schuppen in den weichen Kies vom Fundament ein Loch und schlief dort. Das haben aber wir erst an dem Tag gemerkt, als Gati schwer verletzt unter dem Schuppen hervorkroch. Sie hatte eine große Wunde an der rechten Seite vom Kiefer. Es blutet nicht, aber man konnte etwas weißes sehen. Ich glaube es war der Knochen.

Ich wollte sie hochheben, aber sie fauchte mich an und schnappte nach mir. Damit hatte ich nicht gerechnet. Eigentlich müsste sie zum Tierarzt! Aber wie sollte ich sie einfangen? Sie tat mir so leid. Also machte ich den Schuppen auf, und Gati lief sehr langsam hinein. Sie versteckte sich unter den Stühlen und guckte mich aus eingesunkenen Augen an. Ich wusste nicht was ich machen sollte.

Ich holte ihr Futter und ein Schälchen mit Wasser, und ließ die Schuppentür wieder offen. Als ich ihr eine Decke in ihr Versteck schieben wollte schlug sie nach mir, und ich hatte meine ersten großen und blutenden Kratzer auf der Hand. Es tat höllisch weh und brannte. Vier Tage lang versteckte sie sich im Schuppen. Sie fraß fast nichts, trank aber etwas Wasser. Als Klo benutzte sie ihre alte Höhle unter dem Schuppen. Ich sah mehrmals am Tag nach ihr. Aber sie ließ sich nicht locken und auch nicht anfassen. Ich wusste nicht das Katzen auch knurren können.

Am fünften Tag war Gati verschwunden. Es vergingen zwei Tage bis sie wieder da war. Die Wunde sah sehr viel besser aus, und sie war auch sehr viel munterer und ihre Augen waren wieder klar und glänzend. Wir beschlossen sie in unseren Schuppen einziehen zu lassen. In den zwei Tagen wo Gati verschwunden war haben wir uns große Sorgen um sie gemacht und gemerkt wie sehr sie uns fehlte.

Und so überwand sich Ren'e in den neu gezimmerten, und frisch gestrichenen Holzschuppen ein Loch reinzuschneiden. Ja, wir mussten uns zu einer Katzenklappe durchringen. Erstaunlicherweise hatte Gati kein Problem mit der Katzenklappe. Wir hatten angenommen mit viel Zeit und vielen Leckereien das kleine Katzentier an diese große Umstellung gewöhnen zu müssen.

Wieder einmal überraschte uns Gati. Noch am selben Nachmittag sah ich ihr durch das Wohnzimmerfenster dabei zu, wie sie wie selbstverständlich die Katzenklappe benutzte um in den Schuppen zu kommen. War Gati doch keine Streunerin? Die Katzenklappe war notwendig, denn wir wollten nicht Tag und Nacht den Schuppen sperrangelweit auflassen. Aber auch diese Lösung hielt nicht lange vor. Gati wusste genau was sie wollte. Ins Haus!

Es war der 4. Advent. Wieder einmal hatten wir Gati Abends im Schuppen gefüttert und uns heimlich davon geschlichen. Als wir jedoch die Jalousie runterlassen wollten, saß sie vor der Scheibe und schaute uns stumm mit großen Kulleraugen an. Das Rollo senkte sich immer tiefer und Gati legte sich langsam hin und schaute unter dem Rollo durch uns die ganze Zeit an. Als nur noch wenige Zentimeter bis zum Boden waren, versuchte sie mit ihrer kleinen Pfote das Rollo aufzuhalten und maunzte kläglich. Mir kamen die Tränen. Ren’e seufzte: „Also gut, ich gebe mich geschlagen, aber NUR auf dem Flur!“ Er ließ die Jalousie wieder hoch. Ich hatte die Tür noch nicht richtig aufgemacht, da huschte sie schon durch den engen Spalt und rannte in den Flur. Als ob sie uns verstanden hätte. Ich legte ihr eine Decke auf den Boden. Sofort rollte sie sich dort ein und war auch gleich eingeschlafen. Das wurde jetzt ein Abendritual. Auch heute noch kommt Gati nach Hause, wenn zu hören ist wie die Jalousie runtergelassen wird.

Wir drei hatten uns gut an einander gewöhnt, und so dachten wir sogar darüber nach was wir unserer kleinen Gati zu Weihnachten schenken könnten. Kleine Gati stimmte nicht mehr so ganz. Sie war erheblich gewachsen, hatte ein schönes lackschwarzes, glänzendes Fell bekommen, und ihre großen gelb-grünen Augen blickten neugierig in die Welt. Sie war an allem interessiert was um sie herum geschah.

Am 22. Dezember klingelte am späten Nachmittag unser Nachbar um uns die bestellten und frisch geschlachteten Weihnachtsenten zu bringen. Gati strich ihm um die Beine als wir die toten Vögel in der Garage ins Regal legten. „Na, wen haben wir denn da?“ Unser Nachbar bückte sich und hob Gati hoch. Erstaunt sah er ihr ins Gesicht. „Sag mal Annett, hatte die Katze vor kurzem einen bösen Cut im Gesicht?“ „Ehm, ja! Wieso?“ Erleichtert lachte er auf: „Hier treibst du dich also rum Helmut! Wir haben Dich 4 Tage lang gesucht.“ „HELMUT????“ Ehrlich gesagt ich war geschockt, nicht nur das die Katze ein Kater war, er hatte auch Familie.

„Helmut? Aber da sind doch keine Bommeln an der Katze?“ Der Nachbar lachte „Kannst du auch noch nicht sehen, dafür ist Helmut noch zu jung. Ich glaube er müsste aus dem Juni-Wurf sein.“ Gati-Helmut strampelte, er wollte wieder runter. Knapp hatte er festen Boden unter den Pfoten rannte er auch schon in dem ihm eigenen Schweinsgalopp durch die Eingangstür und verschwand unterm Sofa.

In mir stieg langsam Angst hoch, ich musste mich wohl oder übel von Gati, alias Helmut verabschieden. „Nimmst du deinen Kater jetzt gleich mit?“ fragte ich zaghaft. Lächelnd drehte sich mein Nachbar zu mir um, „nein, hier bei euch hat er es doch gut. Und wir wissen wo er ist. Er ist eine Dorfkatze und immer draußen. Gut wenn so ein Streuner Familienanschluss findet. Bei uns auf dem Hof sind dann immer noch fünf Katzen. Helmuts Mama, die schwarze Susi ist leider im September überfahren worden. Wenn ihm so ein Schicksal erspart bleibt, freue ich mich für ihn. Und im übrigen, Katzen suchen sich ihre Mensch gerne selber aus.“

Erleichtert gab ich ihm das Geld für die Enten und mit einem knappen Gruß ging er. Die Haustür klickte leise hinter mir ins Schloss und erschöpft lehnte ich meinen Kopf an das kühle Glas der Tür. Renè kam aus dem Bad und sah mich besorgt an, „was ist denn passiert?“ „Du glaubst es nicht“, antwortete ich ihm mit einem matten Lächeln, „Gati gehört eigentlich nach neben an, aber der Nachbar hat nichts dagegen das Gati bei uns bleibt. Übrigens, Gati heißt Helmut.“